Man sollte meinen, so etwas wie „Riesen“ gehörten der Vergangenheit an, gleichgültig ob man sie als Ausgeburten mittelalterlichen Aberglaubens oder als Angehörige einer unsichtbaren Welt betrachtet.
Doch nein, keineswegs.

Mindestens in einem Fall kann ich als Zeitgenosse und moderner Mensch bezeugen: Riesen bilden einen Bestandteil unserer Welt und dies nicht nur als Einbildung, Schreckgespenst oder Ammenmärchen. Vielmehr sind sie – oder um konkret auf meine Entdeckung eines Riesen zu sprechen zu kommen – ist er… ein lebendiger, mit seelischen Zügen begabter, wirksamer und wirkungsvoller Teilnehmer an unserer Welt, der Welt also, die wir gemeinhin als die einzig uns Menschen gegebene und verfügbare betrachten. Wenn er wüsste, daß wir uns ohne ihn und seinesgleichen in einer Welt wähnen, die uns allein gehört, er würde sich seinen Teil dazu denken! Nun, denken im eigentlichen Sinne kann er nicht. Als verwandte Entsprechung dessen, was wir „Denken“ nennen, würde angesichts jenes Menschengedanken in ihm etwas einsetzen wie ein drohendes, Leidenschaften wie Steine schleuderndes Gewitter, rasch um sich greifend, Winde und Sturm von einer Art entfachend, die es hierzulande gar nicht gibt. Sein Zorngedanke würde sich in Welten ausbreiten und diese in Mitleidenschaft ziehen, die von alledem nichts wüssten, sondern äußerlich weiterhin steif und unbeteiligt dastünden wie vordem, und die doch in ihrem Innern aufgewühlt und gerüttelt, gepeitscht und gepeinigt würden. Und dies – wie könnte es anders sein – ohne zu ahnen, geschweige denn zu wissen, wodurch und von wem. Denn die Menschenwelt, die das alles beträfe, liefe mit verschlossenen Sinnen ihren täglichen Geschäften hinterher, ohne im Geringsten zu bemerken, wer da in ihr tobte.

Aber zum Glück ist dies alles nicht so, denn jener Bewohner der Zwischenwelt weiß nichts von alledem. Er weiß nicht, daß wir Menschen uns einbilden, die einzigen Herren der Welt zu sein, weiß nicht, daß er als Mitgeschöpf in unserem Bewusstsein nicht vorkommt, er weiß weder, daß wir ihn nicht sehen noch daß er aus unserer Sicht als Verursacher der sich in uns abspielenden Gigantomanien gar nicht in Frage kommt.

Nun behaupte ich zwar, ihn entdeckt und bemerkt zu haben, weniger leicht aber fällt es mir, ihn zu beschreiben. Denn er ist im Wesentlichen eine Erinnerung seiner selbst, jener kirchturmhohe Geselle der unsichtbaren Art. Erinnerte er sich nicht daran, wer er war, als die Zeiten um ihn her noch andere waren, er würde in sich zerfallen, würde verschmelzen mit Wolken und Wetter, mit Wasser und Wind. So aber erneuert er ständig die eigene Gestalt und rettet sie vor dem Vergehen. Aus den Elementen baut er sie auf, turmhoch, wolkenartig verdichtet, Dunst und Nebel verwandt.

Besonders in unruhigen Nächten, hin und wider vom Mondlicht erhellt, kann man ihn sehen. Halb steht er im Wasser, halb steht er an Land, einen Arm gen Himmel gereckt, bald drohend, bald fluchend, die Mähne im Wind. Dann wieder sinkt die Gestalt, halb liegt sie ausgestreckt über den Dächern des Herrenhauses wie ein riesiges schlafendes Kind.

Überhaupt ist dies sein liebster Aufenthaltsort, die Nähe des leerstehenden, zusehends verfallenden Herrensitzes, dessen Wiederaufbau er selbst noch in menschlichen Seelen veranlasst hat. Doch jener Herr von Sjöskoga, der sich damals von ihm verführen ließ, hat sich übernommen. Das weitläufige Dach des ausladenden Gebäudes wurde zwar neu gedeckt, dann aber war Schluss. Das Geld ging aus. Schließlich musste jener gehen, der den verborgenen Inspirationen des Riesen erlegen war. Er hatte verschlafen, daß es nicht die eigenen, sondern die Willensimpulse des Riesen waren, die seine Seele erfüllten, daß er sich unversehens in dessen Dimensionen verlaufen hatte. In der Meinung, er wolle dies alles selbst, hatte er Geld ausgegeben und bauen lassen, immer ehrgeizigere Ziele hatte er sich gesteckt, immer höher wollte er hinaus. Dabei übersah er alle warnenden Zeichen, verlor Maß und Übersicht. Es zog ihn ins Grenzen- und Uferlose. In ihm tobte der Riese.

Der Zusammenbruch war voraussehbar. Eine Zeitlang noch hob der Riese ihn zu sich empor, um ihm die Welt aus seiner Höhe zu zeigen. Doch wurde er seiner überdrüssig, als jener sich dort aus eigener Kraft nicht dauerhaft halten konnte. So ließ er ihn fallen.

Auch die nach ihm kamen, bemerkten den Riesen und sein Wirken in ihren Seelen nicht. Zwar setzten sie äußerlich nicht fort, was ihr Vorgänger begonnen hatte. Doch der Riese, der den gemeinsam bewohnten Ort seit alters her als sein Reich und Stammland betrachtete, hob auch sie zu sich empor, ohne daß sie es ahnten.

Und in dem kleinen Betrieb, den sie von dessen vertriebenem Gründer übernommen hatten, machte sich erneut die Wirksamkeit des Riesen geltend. Diesmal offenbarte sie sich darin, wie sich die Leitenden des Unternehmens beinahe unmerklich und schleichend von ihren Mitarbeitern und Angestellten entfernten. Wo ursprünglich wieder gutgemacht werden sollte, was der Begründer an Ruin und Ruinen hinterlassen hatte, begann erneut der eigentliche und verborgene, daher umso mächtigere Herr von Sjöskoga sein unerkanntes und unglückseliges Spiel. Wie die Herren zu ihren Leibeigenen, die in früheren Jahrhunderten hier gehaust hatten, so stellten sich zunehmend die Leitenden zu den Angestellten des Werkes. Dabei bemerkten sie nicht, wie die Hand des Riesen sich unter ihnen erhob und wie wachsende Kühle und Härte, schwindende Einfühlung und Aufmerksamkeit im Verhältnis zu ihren Mitarbeitern eine Folge waren jener Erhebung und Erhöhung, die der Riese stillschweigend mit ihnen vollzog.

Bis heute ist jener Riese, den ich wohl bisher als einziger an jenem Ort bemerkte, unerkannter und uneingeschränkter Herr von Sjöskoga. Er wirkt in den ungesehenen und undurchschauten sozialen Verhältnissen derer, die dort leben und arbeiten und macht das Miteinander und die Arbeit zur Qual. Er wirkt, indem er vergangene Verhältnisse zwischen Menschen, die nicht ihrer Funktion und Aufgabe nach, sondern in ihrem Wert als Menschen einander über- und untergeordnet waren, in der Gegenwart wieder anfacht und am Leben erhält. Er tut dies, indem er einen Schleier breitet über die seelischen Tiefen derer, die er zu sich erhebt.

Einestages werden Menschen kommen müssen, die sich selbst erkennen und die eigenen Regungen durchschauen und in die Hand nehmen, soll die bis heute anhaltende Herrschaft des Riesen auf Sjöskoga ein Ende finden. Sie werden kommen und in dem Maße, wie sie mit inneren Augen sich selbst durchschauen, werden sie mit diesen auch den Riesen schauen, seine Absichten erkennen und sie von den eigenen Absichten und Zielen unterscheiden. Erst dann werden sie seine Macht brechen und sowohl ihm als auch einander den Weg in eine wirkliche Zukunft eröffnen. Sie werden kommen – eines Tages!

Nothart Rohlfs

Der Riese von Sjöskoga